Zurück zu den Eltern

Wenn die Tochter wieder ins Elternhaus zurückzieht, sollte man sich zusammensetzen und Regeln für das neue alte Zusammenleben festlegen.


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Wieder zurück ins Kinderzimmer

Sie waren schon mal flügge, zogen um die Ecke oder in die weite Welt. Aber nach Jahren stehen die Kinder wieder auf der Matte. Nicht immer ist die Rückkehr ins Elternhaus einfach. Anja Müller (Name geändert) ist das erste Mal für ihr Studium ausgezogen. Danach ließ sie sich in einer größeren Stadt nieder, arbeitete zwei Jahre lang bei einer Bank. Dann ging sie für ihren Job nach New York, kündigte schließlich und ging ein Jahr auf Reisen. Danach zog sie wieder in ihr Kinderzimmer – da war sie 27 Jahre alt.

Was ist ein Bumerang-Kind? 

Dass junge Leute zurück ins Elternhaus ziehen, hat oft mit Wendepunkten im Leben zu tun. „Das kann die Trennung vom Partner sein, es können finanzielle Probleme sein, Arbeitslosigkeit, es können aber auch Absolventen sein, die nach dem Studium keinen Job finden“, erklärt Anne Berngruber. Sie ist Jugendforscherin am Deutschen Jugendinstitut in München und beschäftigt sich mit dem Aus- und Einzug von jungen Erwachsenen. Die Wissenschaft nennt Kinder, die zurück ins Elternhaus ziehen, Bumerang-Kinder. „Der Begriff ist allerdings nicht sehr schmeichelhaft“, kritisiert Berngruber.

Lukasz Richter (Name geändert) hatte nach dem Abitur das Bedürfnis auszubrechen, um sich komplett entfalten zu können. In seiner Stadt in Süddeutschland fühlte er sich eingeschränkt, für seine Homosexualität war in seinem Elternhaus kein Platz. Er ergriff die Möglichkeit ins Rheinland zu ziehen: Neue Stadt, Partys, Drogen – fast alles habe er in dieser Zeit ausprobiert. Und auch einen Schuldenberg angehäuft. Irgendwann merkte er: „Ich muss zurück nach Hause. Ich gehe hier unter.“

Für Cornelia Heine (Name geändert) und ihren Mann war es keine Frage, dass ihre Töchter wieder zu Hause einziehen können. Eine fand nach dem Studium keinen Job. „Sie ist halt unser Kind, und wir versuchen immer, wenn es mal nötig ist, zu helfen“, erklärt die Mutter. Für Eltern ist das nicht immer leicht. „Die hatten schon das leere Nest und haben vielleicht eigene Routinen entwickelt“, erklärt Berngruber. Treffen die dann mit den neuen Routinen der Kinder zusammen, könne es zu Reibungen kommen.

Bei Cornelia Heine und ihrer Familie gab es glücklicherweise nur wenige Einschränkungen. Bis auf die Benutzung des Badezimmers habe sie wenige Absprachen treffen müssen. Sie glaube aber, dass der Wieder-Einzug für ihre Tochter schwieriger gewesen sei als für sie. Das kann Lukasz Richter bestätigen: „Die alten Grenzen waren wieder da, und das freie, neue Ich wollte nicht reinpassen.“ Das gab vor allem mit seinem Vater Probleme.

Wiedereinzug nur mit Absprachen

Reibereien gab es bei Anja Müller nicht. Ihr war es aber wichtig, bei den Eltern keinen Termindruck zu haben. Sie wollte nicht bei jedem Abendessen dabei sein und ihre Wäsche selber waschen. Dafür waren anfangs ein paar Absprachen nötig. „Wir haben uns am Anfang alle zusammengesetzt und besprochen, was wem wichtig ist.“

Schwieriger war die Wahrnehmung im Freundeskreis und auf der Arbeit. Anjas neue Chefin sagte sofort: „Wir müssen es schaffen, dass du so viel verdienst, dass du bei deinen Eltern wieder ausziehen kannst“. Und auch viele ihrer Freunde fassten den Einzug negativ auf.

 

Von Jennifer Weese, dpa