Wenn Frauen ihre Babys in der Öffentlichkeit stillen

Öffentliches Ärgernis, Provokation oder die natürlichste Sache der Welt?


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Es passiert auch im 21. Jahrhundert noch: Moderatorin Nina Bott wurde von einem Kellner aus einem Café geworfen, weil sie ihr Kind stillte. Warum das Stillen noch immer Anstoß erregt, erklärt Mediziner Wolf Lütje. Außerdem erklärt er, welche Rolle Väter dabei spielen und warum sie ihre Frauen unterstützen sollten.

Warum gibt es immer noch Männer, die sich am Stillen stören?

Wolf Lütje: Das hat viel mit unserer Sicht auf die weibliche Brust zu tun. Bei Naturvölkern bleiben die Frauen oft barbusig, die Brust wird als Nahrungsquelle betrachtet. In der westlichen Gesellschaft haben Brüste dagegen eine eher sexuelle Bedeutung. Sie gelten als erotischer Reiz. Das führt dazu, dass stillende Mütter manchmal als obszön oder gar abstoßend wahrgenommen werden. Wahrscheinlich sind sich die Männer in diesen Momenten selbst unsicher und reagieren mit Abwehr. Manchmal spielen auch  konservative Wertvorstellungen über Nacktheit eine Rolle.

Verändert sich die Perspektive, wenn Männer zu Vätern werden?

Lütje: Aus männlicher Perspektive ist das Stillen hochemotional. Plötzlich fordert ein Kind die ungeteilte Aufmerksamkeit der Partnerin. Darauf reagieren Männer sehr unterschiedlich. Viele entwickeln selbst starke Vatergefühle, unterstützen ihre Frau beim Stillen und bringen sich aktiv in die erste Zeit mit Kind ein. Es können aber auch negative Gefühle entstehen. Manche Männer entwickeln sogar aus Überforderung und dem Gefühl der Ausgrenzung Wochenbettdepressionen.

Wenn Frauen ihre Babys in aller Öffentlichkeit stillen, sorgt das für Aufsehen.

Andere suchen nach Wegen, um sich selbst einzubringen.

Lütje: Bei Vätern, die nach der Geburt viel Zeit mit ihrem Kind verbringen, sinkt der Testosteronspiegel deutlich. Das macht sie fürsorglicher. Gleichzeitig erleben wir einen gesellschaftlichen Wandel. Die aktuelle Generation von Vätern beteiligt sich aktiv an der Schwangerschaft, besucht Geburtsvorbereitungskurse, ist selbstverständlich bei der Geburt dabei und geht in Elternzeit. Aus meiner Sicht ist das Stillen der einzige Unterschied zur Rolle der Mutter. Alles andere können Väter mindestens genauso gut.

Welche Rolle spielen Väter beim Stillen?

Lütje: Eine sehr wichtige! Ein Mann, der seine Frau aktiv beim Stillen unterstützt, ist eine große emotionale Stütze. Auch Mütter brauchen ab und zu die Bestätigung, dass sie für ihr Baby genau das Richtige tun. Und die kommt am besten direkt vom Partner. Außerdem ist das Stillen nicht nur eine sehr innige Erfahrung, sondern auch körperlich anstrengend. Umso wichtiger ist ein Mann, der seiner Frau den Rücken frei hält, kocht, einkauft oder eben Zeit mit dem Kind verbringt.

Warum ist Stillen so wichtig?

Lütje: Auch wenn sich die Forschung intensiv mit dem Stillen beschäftigt, verstehen wir bisher nur einen kleinen Prozentsatz seiner Bedeutung. Wir wissen, dass es sehr wertvoll für die Kindergesundheit ist. Auch für die Frauen ist es positiv. Und es ist gut für die Bindung zwischen Mutter und Kind. Kinder, die in einer stabilen Bindung zu Mutter und Vater aufwachsen, haben später weniger psychische Probleme und neigen weniger zu Gewalt. Vielleicht ist Stillen sogar ein Schlüssel zu einer friedlicheren Welt.

Wie stillfreundlich ist Deutschland?

Lütje: Fast 90 Prozent der Frauen wollen ihr Kind stillen, jedenfalls vor der Geburt. Nach der Geburt sind es nur noch etwa 68 Prozent der Mütter, die ihr Kind ausschließlich stillen. Die Quote nimmt im Laufe der Monate ab. Nach vier Monaten, der empfohlenen Stillzeit der WHO, sind es noch 40 Prozent. Experten vermuten, dass Mütter mehr Unterstützung und Zuspruch beim Stillen benötigen – auch von Männern.

Wie können Sie als Geburtsmediziner Frauen beim Stillen unterstützen?

Lütje: Natürlichkeit und Selbstvertrauen sind aus meiner Sicht zwei wichtige Faktoren. Frauen können in der Regel ohne medizinische Hilfe ihr Kind zur Welt bringen und danach versorgen. Leider ist das Vertrauen in die natürlichen Fähigkeiten des weiblichen Körpers etwas verloren gegangen, sowohl bei den werdenden Müttern als auch bei den Geburtsmedizinern. Wir sollten den Schwangeren viel mehr Wissen über ihren Körper und die Geburt vermitteln.

Von Birk Grüling

Zur Person


Wolf Lütje, geboren 1957 in Hamburg, ist siebenfacher Vater und seit 34 Jahren Geburtsmediziner. Seit 2012 ist er Chefarzt in der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe des Evangelischen Amalie-Sieveking-Krankenhauses in Hamburg, das von WHO und Unicef als „Babyfreundliches Krankenhaus“ ausgezeichnet wurde. Zudem ist Wolf Lütje Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe.

red