Schule ohne Noten und Sitzenbleiben

Steinmetzen steht auf dem Lehrplan der Waldorfschüler in Heilbronn. Hier werden künstlerische und praktische Fähigkeiten gefördert.

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Etwas Zukunftsträchtiges, einen positiven Impuls wünscht sich Mitte der 70er Jahre eine Gruppe von Eltern und Lehrern in Heilbronn – als Pendant zum Atomkraftwerk in Neckarwestheim. Die Idee der Freien Waldorfschule Heilbronn war geboren. 1979 startet für die ersten Klassen in Sontheim der Unterricht. Heute ist die Einrichtung eine von rund 1100 Schulen weltweit, die nach dem Konzept des österreichischen Philosophen Rudolf Steiner unterrichten. Seine anthroposophischen Ansätze sind umstritten, trotzdem steigen die Schülerzahlen.

Zum Waldorfcampus Heilbronn gehören inzwischen Kinderkrippe, Kindergarten, Grund- und Gemeinschaftsschule sowie Schulmensa. Die Schüler können alle staatlichen Schulabschlüsse machen – die meisten gehen mit dem Abitur in der Tasche. Der Wechsel von einer öffentlichen Schule zum Waldorfcampus ist in jeder Klassenstufe möglich.

Vorurteile Waldorfschüler hören immer wieder Vorurteile über ihre Schule. Die Schüler Juliette Sundmacher, Annika Beister und Leon Elflein zählen auf: „Sonderschule, Behindertenschule“ oder „Ihr rechnet mit Nüssen“. Leon Elflein erklärt: „Wir müssen uns vor anderen immer rechtfertigen. Das nervt.“

Doch was ist der Unterschied zu öffentlichen Schulen? Das pädagogische Konzept von Waldorfschulen ist weiter gefasst. Zusätzlich zur intellektuellen Ausbildung sollen Schüler in ihren kreativen, künstlerischen, praktischen und sozialen Fähigkeiten gefördert werden. Das zeigt sich im Fächerkanon: Neben Mathematik, Deutsch, Naturwissenschaften und Sprachen stehen Eurythmie (ein meditativer Bewegungstanz), Gartenbau im Schulgarten, Holzwerken, Plastizieren, Schmieden und Steinmetzen auf dem Lehrplan. Fächer, bei denen andere Schüler die Stirn runzeln. Juliette Sundmacher hingegen findet: „Das ist eine Typfrage. Ich mache die handwerklichen Fächer gerne. Sie sind ein guter Ausgleich, bei denen man auch mal den Kopf ausschalten kann.“ In der achten und zwölften Klasse wird ein Theaterstück eingeübt. Martin Böhm ist seit 31 Jahren Lehrer am Waldorfcampus Heilbronn. Er weiß: „Für Heranwachsende ist es in ihrer Entwicklung wichtig, sich auch in die Rolle eines anderen hineinzuversetzen.“

Unterschiede Weitere Besonderheiten, die die Waldorfpädagogik von staatlichen Schulen unterscheidet: Kein Sitzenbleiben, von der ersten bis zur achten Klasse unterrichtet derselbe Klassenlehrer, bis zur elften Klasse gibt es keine Noten. Stattdessen erhalten die Schüler umfassende schriftliche Beurteilungen. Martin Böhm erklärt: „Uns ist wichtig, unsere Schüler zu motivieren. Wir haben ein Lernklima ohne Schulangst.“ Der Waldorfcampus Heilbronn kommt ohne Schulleitung aus. Lehrer und Eltern engagieren sich in Gremium, Vorstand und Gesamtkonferenzen.

„Eltern schicken aus Idealismus ihre Kinder zu uns auf die Schule“, ist sich Martin Böhm sicher. Petra Strack ist eine Mutter, die vom Waldorf-Konzept bis in die Haarspitzen überzeugt ist. „Für meinen Sohn käme niemals eine andere Schule in Frage“, sagt sie. Nur in der Waldorfschule könne er sich Zeit lassen und sich ohne Leistungsdruck entwickeln. Es passiere zwar selten, aber es komme vor, dass Eltern ihre Kinder wieder abmelden, sagt Böhm. „Meistens sorgen sie sich, ihre Kinder würden bei uns nicht ausreichend auf die Berufswelt und den Leistungsdruck vorbereitet werden.“ Dabei würde die Praxis zeigen, dass Waldorfschüler von Ausbildern besonders geschätzt würden und in allen Berufsfeldern erfolgreich arbeiten.

Von unserer Redakteurin
Sarah Arweiler