Papa in zweiter Ehe

Bei Kindern und Jugendlichen aus erster Ehe hält sich die Freude über junge Halbgeschwister oft in Grenzen


Gründet der Vater noch einmal eine neue Familie, fühlen sich die älteren Kinder einfach ausgetauscht.
Fotos: Jan Tepass/Westend61, Maylea Wiprich, Simin Kianmehr/dpa-tmn

 

Die Trennung der Eltern ist gerade einigermaßen verarbeitet, da bekommt Papa mit der neuen Partnerin ein Baby. Die Teenager-Kinder aus erster Ehe reagieren zurückhaltend bis kratzbürstig. Dabei ist der Nachzügler doch so niedlich. Könnte man da von den älteren Kindern nicht etwas mehr Begeisterung erwarten?

Ältere Kinder sorgen sich

„Das ist eine Situation, die sehr oft zu Konflikten führt und in der sich viele Eltern hilflos fühlen können“, sagt Familientherapeutin Maria Wiprich aus dem oberbayerischen Windach, die unter anderem als Coach für Patchworkfamilien tätig ist. Dass sich die älteren Kinder zurückziehen oder mit Vorwürfen reagieren, sei – vor allem angesichts des eigenen neuen Familienglücks – manchmal schwer auszuhalten. Es habe aber einen ganz nachvollziehbaren Grund: „Sie sind in Sorge um die Erfüllung ihrer Bedürfnisse“, sagt Wiprich.

Wird mein Vater noch für mich da sein? Gibt er mir die Sicherheit, versorgt zu sein? Respektiert er mich? Gehöre ich zu dieser Familie überhaupt noch dazu? Erster und wichtigster Schritt sei es deshalb, herauszufinden, um welche Bedürfnisse und Ängste es konkret geht, und diese anzuerkennen. Etwa so: „Ja, ich habe den Eindruck, dass es Dir gerade gar nicht gut geht“, sagt die Familientherapeutin.

Papa muss die Verantwortung behalten

Oft können die Kinder gar nicht so genau benennen, was sie umtreibt und was sie so wütend macht: „Viele haben sehr ambivalente Gefühle: Sie lieben ihren Vater und brauchen ihn, sind aber zugleich wütend, dass er die Familie verlassen hat“, beobachtet Katharina Grünewald. Auch die Diplom-Psychologin aus Köln berät Patchworkfamilien.

Besonders nach konfliktreichen Trennungen sehen sich Väter, die eine neue Familie gegründet haben, Vorwürfen ausgesetzt, so Grünewalds Erfahrung. „Sie werden oft von der Ex-Partnerin und den Kindern für die familiäre Situation verantwortlich gemacht.“ Wenn die neue Familie dann durch ein Baby komplettiert werde, hinterlasse das bei den älteren Kindern den Eindruck: „Erst hat er seine Frau verlassen und jetzt hat er auch uns ausgetauscht.“

Viele Väter reagierten darauf mit einem schlechten Gewissen, sagt Grünewald. Sie erfüllen ihren Kindern möglichst viele Wünsche, um die Beziehung zu ihnen zu retten – was wiederum Konflikte mit der neuen Partnerin nach sich zieht.

Denn auch sie wünscht sich die Loyalität ihres Partners, besonders wenn sie sich von dessen Kindern abgelehnt fühlt: „Sie und das neue Kind werden oft zur Zielscheibe der Wut, stellvertretend für die Enttäuschung über den Vater.“ Hinzu kommt: Aus Kindessicht ist sie es, die mit dem Baby die Trennung unwiderruflich macht.

Gibt es einen Ausweg aus diesen Herausforderungen? „Ganz entscheidend ist es, gegenüber den Kindern in der Beziehungsverantwortung zu bleiben, unabhängig davon, ob sie die Situation gut finden oder nicht“, sagt Familientherapeutin Maria Wiprich: „Du bist mir wichtig, ich werde nicht weggehen von dir“ – diese Haltung müsse zum Ausdruck kommen. Ein Gefühl der Sicherheit gibt schon die Tatsache, dass der Vater zuverlässig erreichbar bleibt, Kontakt anbietet und Verabredungen einhält – auch dann, wenn ihm schlaflose Babynächte in den Knochen stecken.

Was in der Theorie einleuchtend klingt, kann in der Praxis eine Herausforderung sein: Es schmerzt, wenn Angebote für gemeinsame Unternehmungen brüsk zurückgewiesen werden, wenn der Teenager das Gespräch verweigert und die Tür vor der Nase zuschlägt. Und dann? Es trotzdem immer wieder versuchen?

Auch Bezugspersonen bitten

Schuldzuweisungen ans Kind seien tabu, aber „Eltern müssen auch nicht zu Superhelden mutieren“, sagt Wiprich. Aber: „Beharrlich Beziehung anzubieten, ist wichtig.“ Und man könne Verwandte, Freunde und andere Bezugspersonen der Kinder, denen etwas am Gelingen der neuen Konstellation liegt, um Hilfe bitten.

Von Eva Dignös, dpa


Rollenfindung

Wie gut Kinder mit einer neuen Familienkonstellation klarkommen, hängt für den Geschwisterforscher Hartmut Kasten stark davon ab, ob die Trennung frisch ist und alle auf der Suche nach ihrer Rolle sind, oder Zeit hatten, um sich an die neuen Strukturen zu gewöhnen. Für die Beziehung zwischen Halbgeschwistern ist derAltersabstand wichtig: „Älteren Kindern gelingt es oft nicht, eine Brücke zum kleinen Halbgeschwister aufzubauen.“ Während die „neue“ Familie ihr Nest baue, nabelten Jugendliche sich gerade ab. Feine Antennen haben Kinder für Ungleichbehandlung. Fühlen sie sich fair behandelt und sind sich der Bindung zum Vater sicher, gelingt es leichter, eine Beziehung zum kleinen Geschwister aufzubauen.
dpa