Mit künstlicher Befruchtung zum Zwilling?

Die Rate der Zwillinge hat sich deutlich nach oben entwickelt. Liegt das an der künstlichen Befruchtung?


Zwillinge kommen fast zeitgleich auf die Welt und fühlen sich häufig auch noch im späteren Leben eng miteinander verbunden.
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Mehrlinge sind ein Phänomen. Sind sie eineiig, dann sehen sie sich zum Verwechseln ähnlich. Auch wenn sie zweieiig sind, bringen sie alle Nicht-Zwillinge zum Staunen. Häufig stehen sie sich viel näher als „normale“ Geschwister und pflegen besonders engen Kontakt. Seit Jahren kommen in Deutschland immer mehr Zwillinge auf die Welt, während die Rate an höhergradigen Mehrlingsgeburten sinkt. Was sind die Ursachen für diese Entwicklung? Geschwisterkinderwagen, in denen zwei gleichaltrige Kinder sitzen, sind keine Seltenheit im Straßenbild. Und tatsächlich wurden in den vergangenen Jahren immer mehr Zwillinge in Deutschland geboren: Die aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamts verzeichnen für 2018 rund 14 000 Zwillingsgeburten.


„Die Zahl der Zwillinge nach künstlicher Befruchtung in Deutschland ist sehr stabil.“

Andreas Tandler-Schneider, Gynäkologe


Fünf Jahre zuvor waren es etwa 12 100, noch einmal fünf Jahr zuvor nur circa 10 800. Auch im Verhältnis zu den absoluten Neugeborenenzahlen in Deutschland ist ein Anstieg zu erkennen. Die Zahl der eineiigen Zwillinge ist dabei aber weitestgehend konstant. Man kann demnach davon ausgehen, dass allein die zweieiigen Zwillinge für den Anstieg verantwortlich sind. Hier entstehen die beiden Kinder aus zwei im gleichen Zyklus befruchteten Eizellen und sind sich entsprechend nicht ähnlicher als andere Geschwister.

Höhere Rate für Zwillinge

Dass vermehrt zweieiige Zwillinge das Licht der Welt erblicken, hat vor allem mit künstlicher Befruchtung zu tun. „Die natürliche Rate an Zwillingen beträgt etwa 1:80“, sagt Professor Kurt Hecher. Er leitet das Geburtshilfezentrum am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und die Arbeitsgemeinschaft Geburtshilfe und Pränatalmedizin der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. „Mit der Reproduktionsmedizin ist die Rate auf 1:50 gestiegen“, sagt Hecher. Das bedeutet, dass mittlerweile im Schnitt eine von 50 Gebärenden Zwillinge bekommt.

Der Einfluss der künstlichen Befruchtung auf die Zwillingsrate ist nicht von der Hand zu weisen: Erstens haben gerade in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen diesen Weg gewählt. Und zweitens ist „die Zahl der Zwillinge nach künstlicher Befruchtung in Deutschland sehr stabil“, sagt Gynäkologe Andreas Tandler-Schneider. Er ist Mitglied im Vorstand des Deutschen IVF-Registers, das hierzulande Wissenschaft und Forschung rund um die Reproduktionsmedizin unterstützt.

Jedes fünfte Paar, das sich wegen seines unerfüllten Kinderwunsches behandeln lässt, bekommt am Ende ein Zwillingspaar. Dass bei der künstlichen Befruchtung so viele Zwillinge entstehen, liegt daran, dass durch Hormongaben meist zwei oder mehr Eizellen gleichzeitig heranreifen oder zwei befruchtete Eizellen in die Gebärmutter der Frau eingesetzt werden, um die Chance auf eine Schwangerschaft zu erhöhen.

1990 verabschiedete der deutsche Bundestag das erste Embryonenschutzgesetz: Es legt auch heute noch die rechtlichen Grenzen der künstlichen Befruchtung fest. Es folgte in den darauffolgenden Jahren ein deutlicher Anstieg der Drillingsgeburten: Gab es 1990 in Deutschland rund 200 von ihnen, waren es keine zehn Jahre später schon doppelt so viele. Um die Jahrtausendwende begannen die Zahlen dann langsam, aber stetig zu sinken und lagen zuletzt bei 260 Drillingsgeburten im Jahr 2018. Mittlerweile versuchen Kinderwunschzentren, durch ihre Behandlungen möglichst nur noch eine befruchtete Eizelle heranreifen zu lassen.

Die Zwillingswahrscheinlichkeit kann auch am Alter der Mütter liegen 

Im Zusammenhang mit dem Anstieg von Zwillingsgeburten spielt auch das Alter der Mütter eine Rolle. Frauen bekommen heute immer später Kinder. Allein von 2014 bis 2018 ist das Durchschnittsalter der Erstgebärenden von 30,9 Jahren auf 31,2 Jahre geklettert – vor 2008 lag es noch bei unter 30. „Wenn eine Eizelle heranreift, wird das Heranreifen aller anderen normalerweise unterdrückt. Dieser Mechanismus scheint bei älteren Frauen nicht mehr so gut zu funktionieren“, begründet Professor Kurt Hecher die Häufigkeit von Zwillingsgeburten bei älteren Müttern.

Aus medizinischer Sicht ist eine Zwillingsschwangerschaft nicht zu unterschätzen: „Es besteht grundsätzlich ein höheres Risiko für Frühgeburten“, sagt Hecher. „Dann kommt es im Besonderen darauf an, ob sich die Zwillinge eine Plazenta teilen, was allerdings nur bei eineiigen Zwillingen der Fall sein kann.“ Für die Mutter bestehe zudem ein erhöhtes Risiko für alle schwangerschaftsbedingten Krankheiten wie etwa Thrombose.

Wie sich die Rate der Zwillingsschwangerschaften in Zukunft entwickelt, ist offen: Zwar hat deren Häufigkeit im Lauf der letzten Jahrzehnte insgesamt zugenommen. Doch in den Jahren 2016 und 2017 war der Anteil an Zwillingen im Verhältnis zur Gesamtgeburtenzahl auf dem bisherigen Höchststand. 2018 sind die Zahlen dann wieder zurückgegangen – vielleicht hat es sich also um einen Peak gehandelt, nach dem sich die Zahlen nun langsam wieder der natürlichen Rate an Zwillingsgeburten annähern.

Von Helene Kilb

 


Samenübertragung ist schonender als IVF

Seit der Zeugung des weltweit ersten Retortenbabys Louise Brown 1978 in England können Ärzte Eizellen auch außerhalb des Körpers befruchten. Diese In-vitro-Fertilisation (IVF) nutzen Mediziner bei bestimmten Fruchtbarkeitsproblemen der Frau wie etwa einem
Eileiterverschluss. Zunächst wird mit Hormonpräparaten die Eizellreifung stimuliert. Die gereiften Eizellen werden anschließend abgesaugt und im Labor mit den Samenzellen des Mannes befruchtet. Der entstehende Embryo wird in die Gebärmutter der Frau eingepflanzt. Die sogenannte Intrauterine Insemination, also Samenübertragung, gilt als für die Frau schonendste Methode. Dabei werden die Samenzellen direkt in die Gebärmutter der Frau übertragen.

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