Konsequenzen von fehlendem Schwimmunterricht

Der Sportpädagoge Uwe Legahn spricht über die Bedeutung des Schwimmunterrichts und die Gefahren


Die meisten Kinder schaffen nach 21 Stunden ihr Seepferdchen. Wirklich sicher im Wasser sind sie aber erst nach weiteren drei, vier oder auch fünf Jahren Übung. Foto: dpa

Wenn Kinder überhaupt Schwimmen lernen, dann meistens falsch, findet Sportpädagoge Uwe Legahn im Interview. Dazu kommt: Wegen Corona bleiben Bäder über Monate geschlossen.

Ist die Bäderschließung ein Grund zu großer Sorge?
Uwe Legahn: Dass die Gefahr deutlich größer wird, in diesem Jahr dadurch ein paar mehr Unfälle zu haben, liegt ja fast auf der Hand.

Wie wirkt sich denn ein Vierteljahr ohne Schwimmunterricht für Kinder aus?
Legahn: Gerade Kinder fangen wieder ganz von vorne mit dem Schwimmenlernen an.

Wie kann ich mit den besonderen Regeln, die jetzt gelten, mit meinen Kindern üben?
Legahn: Gar nicht vermutlich. Wenn Ihr Kind noch Anfänger ist, ist es praktisch unmöglich. Das Schwimmenlernen ist im wesentlichen ein Vertrauensprozess. Das können Sie aber nicht auf der 50-Meter-Bahn draußen im Freibad bei 24 Grad Wassertemperatur machen. Es sei denn, Sie haben einen Wonneproppen, der zehn Zentimeter Speck auf den Rippen hat. Normale Kinder frieren sich dumm und dösig. Wenn dann auch nicht der richtige Erwachsene dabei ist, dem die Kinder vertrauen, bleibt man lieber zu Hause.

Kann ich mit Kindern auch in freien Gewässern schwimmen?
Legahn: Zum Lernen würde ich das nicht machen. Es sei denn, Sie sind sicher, dass Sie sich selbst und auch das Kind rausretten können, wenn es kritisch wird.

Ab wann können Kinder unbeaufsichtigt im eigenen Pool spielen?
Legahn: Man sollte mit einem Auge die Kinder nonstop im Blick haben. Oft werden Kinder etwa in Hotelpools von anderen, meist aus Versehen, unter Wasser gedrückt und ertrinken still und heimlich. Also Aufsicht solange, bis die Kinder wirklich sicher im Wasser sind.

Ist das Kind mit dem Seepferdchen sicher?
Legahn: Nein! Das Seepferdchen ist eindeutig so eine Art Motivationsabzeichen. Es sagt noch nichts über das tatsächliche Schwimmen aus. Ich gehe sogar so weit – und deswegen streite ich mich auch ständig mit den großen Organisationen – und sage, dass selbst Bronze und manchmal auch Silber noch nichts darüber aussagt, ob Kinder kritische Situationen im Wasser beherrschen können. Das, was ich Schwimmmeistern, Vereinssport, DLRG, aber auch der Schulausbildung vorwerfe, ist, dass es nur darum geht, schnell Abzeichen zu machen und in einer Statistik gut dazustehen. Sie versäumen es, die tatsächlichen Lebensversicherungen den Kindern mitzugeben.

Was für Lebensversicherungen?
Legahn: Da geht’s zum Beispiel um die sogenannte Schreckreflex-Umkehr. Es passiert immer wieder, dass jemand am Beckenrand spielt und plötzlich reinfällt. In Schrecksituationen atmen wir reflexhaft ein. Und dann ist das Wasser sofort da, wo es mehr als ekelhaft ist, wo es weh tut, und wo jeder normale Mensch in Panik gerät. Deswegen habe ich schon als Sportlehrer Wert darauf gelegt, dass die Kinder immer wieder gesprungen und gefallen sind und dabei immer ausgeatmet haben. Wenn man das oft genug macht, kann man diesen Reflex umdrehen.

Und was noch?
Legahn: Der zweite Punkt ist das passive Schwimmen. Wenn ich mich übernommen habe, muss ich mich auch im Wasser kurz ausruhen können. Deswegen machen wir viel Rückenschwimmen mit den Kindern. Die dritte Lebensversicherung ist, dass die Kinder an das wirkliche Leben im Wasser gewöhnt werden, also wo es spritzt, wo viel los ist und wo Wellen sind. Und viertens gibt es bei uns kein Abzeichen mit Schwimmbrille. Kinder sollen im echten Leben klarkommen, ohne Brille.

Sie kritisieren auch das Brustschwimmen. Warum eigentlich?
Legahn: Weil es unheimlich schwer zu lernen ist, und diese Beinbewegung ist zusätzlich auch noch gesundheitlich riskant. Da werden die Kniegelenke in eine unnatürliche Bewegung gepresst. Drei-, vier-, fünfjährige Kinder sind feinmotorisch dazu noch gar nicht in der Lage.

Von Leonie Schulte


Binnengewässer sind besonders gefährlich

Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) beklagt schon seit langem, dass in Deutschland die Zahl der Menschen, die sicher schwimmen können, zurückgeht. Im vergangenen Jahr sind laut DLRG in Deutschland mindestens 417 Menschen ertrunken. Allein in Binnengewässern wie Seen oder Kanälen verloren 362 Männer und Frauen ihr Leben, das sind rund 87 Prozent der Opfer. Besonders vom Ertrinken betroffen sind Kinder und junge Menschen. So kamen im vergangenen Jahr 17 Kinder im Vorschul- und acht im Grundschulalter im Wasser ums Leben. rnd