Kindern nicht alles geben

Nicht alle haben das richtige Bauchgefühl


Noch ein Eis? Nicht immer ist das, was das Kind möchte, auch gut für es. Deshalb sollten Eltern nicht jedem Wunsch nachgeben. 
Foto: vchornyy/stock.adobe.com

Eigentlich ist es ganz einfach: Wer konsequent ist, tappt nicht in ‚Die Verwöhnungsfalle‘“, sagt Albert Wunsch. Sein gleichnamiges Buch ist bereits vor 20 Jahren zum ersten Mal erschienen und „aktueller denn je“, sagt der Erziehungswissenschaftler. Bei einem Vortrag in Weinsberg am Mittwoch, 29. Januar, gibt er Eltern auf humorvolle Art „wirkungsvolle Lösungen“ für den Alltag an die Hand, um „die nächste Krise gelassener zu überstehen“. Im Interview erklärt der Autor vorab, warum Eltern und Kinder einen Vertrag in drei Ausführungen brauchen.

Es ist doch eigentlich normal, seine Kinder zu verwöhnen, oder?

Prof. Dr. Albert Wunsch: Es kommt sicher häufig vor. Aber man könnte auch fragen, ob es normal ist, bei Rot über die Ampel zu laufen – richtig ist es trotzdem nicht. Es ist immer die Frage, welcher Normalitätsbegriff zugrunde liegt.

Sie schreiben davon, dass Eltern ihren Kindern damit alle Unannehmlichkeiten ersparen. Wozu machen Eltern das?

Wunsch: Um sich selbst ein gutes Gefühl zu geben. Es geht im Grund immer nur um einen selbst. So ticken wir.

Sie haben Kinder und Enkel. Sind Sie selbst auch in diese Falle getappt?

Wunsch: Es gibt keinen, der das nicht macht. Aber ich kann mich an keine Situation erinnern, in der meine Frau und ich so gehandelt haben. Dabei war das eigentlich intuitiv – das ist mir erst beim Schreiben des Buches bewusst geworden.

Dürfen Eltern ihren Kindern gar nichts Gutes tun?

Wunsch: Gutes tun und verwöhnen ist nicht dasselbe. Einem anderen Menschen etwas Gutes zu tun, ist das Beste, was wir machen können. Aber dafür müssen Eltern sich fragen, was tut dem anderen wirklich gut? Wenn mein Kind drei Kugeln Eis möchte, und ich das erlaube, nur damit das Geplärre aufhört, ist es noch lange nicht gut fürs Kind.

Wie schaffen Eltern das?

Wunsch: Die beste Voraussetzung sind stabile Eltern. Je mehr sie die Verwöhnung zulassen, umso instabiler sind sie. Noch schwieriger ist es wenn die Beziehung zwischen den Eltern nicht stabil ist und einer den anderen übertrumpfen will.

Was ist also gute Erziehung?

Wunsch: Gut ist die Erziehung, die sich am Kind orientiert und nicht an den Eltern. Die sollten ihr Kind mit seinen Anlagen, Fähigkeiten und Handicaps für die Zukunft rüsten. Damit es zu einem eigenständigen, sozialkompetenten und selbstverantwortlichen Menschen wird. Das ist das Beste, das der Gesellschaft passieren kann.

Erfahren die Besucher bei Ihrem Vortrag, wie das geht?

Wunsch: Ich versuche, ihnen Handwerkszeug zu geben, wie sie aus der Verwöhnungsfalle herauskommen. Auf diesem schwierigem Terrain gebe ich Eltern mit großer Leichtigkeit Aufgaben und biete damit wirkungsvolle Lösungen an. Statt zum Beispiel gleich aufzuspringen, um dem Kind jeden Wunsch zu erfüllen, könnte man das nächste Mal sitzen blieben – ganz ohne Handlungsaufforderung. Also auf den Satz „Die Milch fehlt“ einfach mal sagen: „Das fällt mir auch gerade auf.“ Damit zeigt die Mutter, dass sie zugehört hat, aber sie holt eben keine Milch.

Brauchen Eltern Unterstützung, um so gelassen zu werden?

Wunsch: Die meisten. Mir hat mal ein Bäuerin nach einem Vortrag gesagt, sie habe das alles doch im Bauch. Und sie hatte Recht. Aber die Bäuche der Frauen in den Städten sind oft leer oder falsch gefüllt.

Werden Stadtkinder eher verwöhnt?

Wunsch: In der Stadt ist es auf jeden Fall ausgeprägter als auf dem Land, wo Kinder noch ein anderes Freizeitverhalten haben und anders geerdet sind. Viele Eltern haben zwar ein Bauchgefühl, aber wenn zu viel Spannung in der Beziehung liegt, zum Beispiel weil beide Eltern berufstätig sind und nicht genug Zeit haben, wird Erziehung schwierig. Es geht nicht ohne Ressourcen.

Was empfehlen Sie diesen Eltern?

Wunsch: Sie sollten dem Kind nicht seinen Willen geben und glauben, damit für Entspannung zu sorgen. Das ist eine Spirale, die sich immer weiter dreht. Und das Kind lernt dabei keine soziale Kompetenz. Eltern sollten klar und konsequent sein und mit ihren Kindern schriftliche Vereinbarungen treffen. Und zwar in drei Ausfertigungen: Für jede Partei eine und eine für den Safe. Dann ist es ganz einfach.

Vortrag in Weinsberg

Am Mittwoch, 29. Januar, spricht der Erziehungswissenschaftler und Autor Albert Wunsch ab 19.30 Uhr in der Hildthalle in Weinsberg zum Thema „Eltern in der Verwöhnfalle?“. Karten kosten im Vorverkauf in den Buchhandlungen Back und Stritter sowie bei der Schulsozialarbeit der Grundschule, im Justinus-Kerner-Gymnasium sowie an der der Weibertreuschule zehn Euro, zwölf Euro an der Abendkasse.

Von unserer Redakteurin Tanja Ochs


Zur Person Albert Wunsch

Mit 14 Jahren hat Albert Wunsch eine Schlosser-Lehre begonnen, ein Handwerk, dem er bis heute verbunden ist. Allerdings zog es ihn nach der Ausbildung zum Studium: Wunsch ist heute Sozialpädagoge, Kunst- und Werklehrer, Psychologe und promovierter Erziehungswissenschaftler. Er hat das Katholische Jugendamt in Neuss geleitet und an der Katholischen Hochschule in Köln unterrichtet. Wunsch lehrt an der Hochschule für Ökonomie und Management in Essen und Neuss, an der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf und ist Gastdozent an der CVJM-Hochschule in Kassel.

Er hat eine Praxis als Paar-, Erziehungs- und Konfliktberater sowie als Supervisor und Coach, engagiert sich in der Jugendhilfe und Erwachsenenbildung sowie für kirchlich-soziale Initiativen, wofür ihm 2013 das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde . Der Vater von zwei erwachsenen Söhnen und Großvater von drei Enkeltöchtern hat zahlreiche Bücher geschrieben und mit seiner Frau die Malaika-Stiftung für Bildungsprojekte in Nigeria gegründet.

red