Kinder können eine Depression entwickeln

Claas van Aaken vom Klinikum am Weissenhof über die Zunahme von psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen


Jüngere sind manchmal leicht reizbar. Bei Älteren nähern sich die Symptome denen Erwachsener. 
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Früher ging man davon aus, dass Depressionen bei Kindern nicht vorkommen. Heute weiß man: Auch Grundschulkinder können schon daran erkranken. Eine Studie der Krankenkasse DAK hat jetzt belegt: Der Anteil an Kindern und Jugendlichen mit Depressionen steigt. Ein Trend, den Claas van Aaken, Kinder- und Jugendpsychiater am Klinikum am Weissenhof in Weinsberg, bestätigt. Die Komplexität des Alltags sei eine wichtige Ursache, sagt er.

Jedes fünfte Kind leidet laut der Studie an Depressionen oder zeigt andere psychische Auffälligkeiten. Was sagen Sie zu diesem Ergebnis?
Claas van Aaken: Es wundert mich nicht. Psychische Erkrankungen werden häufiger diagnostiziert. Als Gesellschaft sind wir sensibler geworden, psychische Probleme werden schneller erkannt und können dann behandelt werden. Die erhöhten Zahlen psychischer Auffälligkeiten bei Kindern erkläre ich mir teilweise aber auch mit der gestiegenen Komplexität der heutigen Welt.

Wie meinen Sie das? 
van Aaken: Das Leben ist viel unübersichtlicher geworden. Jugendliche haben überall freien Zugang zum Internet und damit oft auch zu nicht altersgerechten Inhalten. Auch die Art und Weise der Kommunikation hat sich geändert: In sozialen Netzwerken, die Standard bei Jugendlichen sind, fühlen sich manche durchaus unter Druck gesetzt. Das Gefühl, jederzeit erreichbar zu sein und unmittelbar antworten zu müssen, löst oft Stress aus, das hören wir immer wieder. Auch die schulische Belastung ist ein bedeutsamer Faktor: Während der Ferien gehen zum Beispiel unsere Notfallaufnahmeraten deutlich runter. Dabei spielen in der Schule sowohl Mobbing als auch Leistungsängste und empfundener Leistungsdruck eine große Rolle.

Wegen welcher Art von Notfällen kommen Eltern mit ihren Kindern? 
van Aaken: Suizidale Gedanken sind ein häufiger Grund für Notfallvorstellungen und oft ein besonders kritisches Merkmal von Depressionen. Aber es kommen auch depressive Jugendliche zu uns, die schlecht schlafen, sich überfordert fühlen und denken, dass sie das alles nicht mehr hinbekommen.

Wie können Eltern erkennen, dass ihr Kind unter depressiven Symptomen leidet? 
van Aaken: Die Merkmale sind altersabhängig und können sehr unterschiedlich sein. Jüngere Kinder, etwa im Grundschulalter, sind womöglich leicht reizbar, sie reagieren dünnhäutig auf Kritik und neigen zu Wutausbrüchen. Auch ein schulischer Leistungsabfall oder psychosomatische Symptome wie Bauchschmerzen können Hinweise sein. Je älter die Kinder sind, desto mehr nähern sich die depressiven Symptome dem Bild bei Erwachsenen an – mit den klassischen Merkmalen wie gedrückter Stimmung, Antriebsverlust, Schlaf- und Konzentrationsstörungen oder dem Verlust von Selbstvertrauen.

Wann sollte eine Familie ärztliche Hilfe suchen? 
van Aaken: Wenn das Kind diesen Wunsch äußert oder wenn es seinen normalen Alltag nicht mehr bewältigen kann. Außerdem wenn es sichtbare Anzeichen von Problemen gibt, etwa Selbstverletzungen oder anhaltende Schlafstörungen.

Welche Rolle spielt die familiäre Vorgeschichte? 
van Aaken: Bei gehäuft auftretenden Depressionen in der Familie besteht oft eine genetische familiäre Neigung. Hier kann es dann auch ohne sichtbare Belastungsfaktoren zu depressiven Episoden kommen. Bei überwiegend reaktiven Depressionen hingegen spielen vor allem äußere Belastungsfaktoren wie Stress oder Ängste die entscheidende Rolle.

Kann man Depressionen vorbeugen? 
van Aaken: Bei der zweiten Art schon in gewisser Weise, etwa durch eine ausgewogene Lebensführung mit nicht so viel Stress. Regelmäßige Bewegung hilft, genauso wie sich Zeit für Freundschaften zu nehmen. Das sind Schutzfaktoren, die relevant sind. Bei vielen Jugendlichen, die ich sehe, sind diese weggefallen. Ich höre dann Sachen wie: „Ich habe so viel zu tun, ich kann mich am Wochenende gar nicht mit Freunden treffen.“

Wie sieht es mit dem Stressfaktor Handynutzung aus. Sollten Eltern den regulieren? 
van Aaken: Das kommt darauf an, wie verantwortlich Jugendliche selbst damit umgehen können. Ich würde sagen: Je jünger ein Kind ist, desto mehr Regeln sind nötig. Bis zum 14. Lebensjahr könnte man zum Beispiel die Regel aufstellen, dass das Handy abends in den Flur gelegt werden muss, statt nachts im Kinderzimmer zu bleiben. 

Welche Rolle spielt die Pubertät?
van Aaken: Die Pubertät ist immer eine Phase, die mit der Neudefinition der eigenen Identität einhergeht. Daraus können auch depressive Entwicklungen entstehen.

Wie werden Depressionen im Kindes- und Jugendalter behandelt? 
van Aaken: Medikamente haben nicht dieselbe Bedeutung wie in der Therapie von Erwachsenen. Bei leichten und mittelschweren Depressionen haben nicht medikamentöse Behandlungsmethoden Vorrang. Die Betroffenen lernen dabei zum Beispiel in einer Verhaltenstherapie, wie sie negative Denkmuster überwinden und sich wieder selbst etwas zutrauen. Auch die Stärkung sozialer Kompetenzen, die regelmäßige sportliche Aktivierung und eine Strukturierung des Alltags können dazugehören.

Erfolgt die Therapie ambulant oder stationär? 
van Aaken: Das hängt von der Schwere der Beeinträchtigungen ab. Wenn das Kind seinen Alltag noch bewältigen kann, kommt zunächst ein ambulanter Therapieansatz in Frage.

Von unserer Redakteurin Valerie Blass


Zur Person

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Dr. Claas van Aaken (44, Foto: privat) ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Klinikum am Weissenhof in Weinsberg. vbs