Grüne Weihnachten sind kunterbunt

Knapp 30 Millionen Christbäume stehen alljährlich in deutschen Wohnzimmern. 94,1 Millionen Euro geben die Deutschen jedes Jahr für Adventskalender aus. Das geht anders, sagt Alexandra Achenbach, Autorin des Buches „Zero Waste Weihnachten“ (Frechverlag, 16,99 Euro). Nicht nur für Familien sei es an der Zeit, umzudenken, zu reduzieren und wieder bewusster zu konsumieren.
 

Kein Müll zu Weihnachten – wollen Sie uns den Spaß an der schönsten Zeit des Jahres nehmen?

Alexandra Achenbach: Auf gar keinen Fall – Nachhaltigkeit macht auch an Weihnachten Spaß. Das bedeutet überhaupt nicht, dass man nur verzichten muss. Es kann trotzdem Geschenke und einen Baum geben – nur vielleicht alles etwas alternativer.

Was verstehen Sie unter einem grünen Weihnachtsfest?

Achenbach: Unter Grün verstehe ich, dass man nachhaltiger und ökologischer an die Sache herangeht. Etwas reduziert und sich bewusst Gedanken macht, was man tut – nicht nur im Alltag, sondern auch zu großen Festen wie Weihnachten.

Aber früher war doch eh schon mehr Lametta ...

Achenbach: (lacht) Das stimmt in dem Fall, weil Lametta ganz schlecht ist. Bei uns gibt es dann einfach eine Alternative.

Zum Beispiel bunte Papiergirlanden, für die Sie die Anleitung im Buch
liefern?

Achenbach: Genau. Im ersten Moment denkt man, man muss auf ganz viel verzichten. Eigentlich tauscht man aber nur gegen etwas Neues aus. Manches lässt man auch weg, aber nicht schweren Herzens, sondern weil es Sinn macht.

Ihr Motto lautet „Weniger ist mehr“ – was heißt das konkret?

Achenbach: Egal ob es um Geschenke, Dekorationen oder Essen geht, das ist die Basis von allem. Sich die Dinge bewusst machen und reduzieren – müssen es Berge von Geschenken unter dem Tannenbaum sein? Es klingt abgedroschen, aber: Wir sollten wieder mehr dazu kommen, Liebe und Zeit zu schenken. Aufmerksamkeit schenken und nicht nur Materielles.

Wir sind ja auch Weltmeister im
Dekorieren ...

Achenbach: Ja, da wäre es zum Beispiel sinnvoll, Dinge zu kaufen oder selber zu machen, die man das ganze Jahr über nutzen kann. Die man umbauen, variieren kann, so dass immer wieder etwas Neues entsteht, aber aus einem ursprünglichen Gegenstand.

Stichwort Adventskalender – da schlagen Sie unter anderem den Klassiker kleine, selbstgenähte Beutel mit 24 Überraschungen vor. Kann der wirklich mit den bunten Adventskalendern aus dem Spielwarenladen mithalten?

Achenbach: Ich denke, da kommt es darauf an, was man den Kindern von klein auf mitgibt. Je älter sie werden, desto mehr hinterfragen sie auch und vergleichen sich mit anderen. Der Knackpunkt ist, immer zu erklären, warum man etwas tut. Bei uns gibt es zum Beispiel einen Familienkalender, den sich beide Kinder teilen. Eine erste Reduzierung. Und gerade beim Adventskalender ist es ja in den letzten Jahren auch ausgeartet. Früher gab es Schokolade und das war’s.

Aber sind die Kinder nicht enttäuscht, wenn sie keinen Kalender wie die Klassenkameraden bekommen?

Achenbach: Kinder sind viel aufgeschlossener als Erwachsene. Meinen Kindern brauche ich gar nicht mehr zu erklären, dass man auf die Natur aufpassen soll. Das haben sie durch viele bildliche Beschreibungen längst verstanden. Erwachsene sind viel festgefahrener in ihren Ritualen und schwieriger ins Boot zu holen.

Besonders clever finde ich ja die Idee, Weihnachtsdekoration zu tauschen …

Achenbach: Da sind wahre Schätze zu bergen! Wir haben mal mit Nachbarn und älteren Verwandten angefangen. Da liegen Dinge auf Speichern vollkommen ungenutzt. Alle freuen sich, wenn man danach fragt.

Zu Weihnachten gehören ganz klar Kerzen – doch die vermeintlich natürliche Licht- und Wärmequelle ist alles andere als ökologisch, oder?

Achenbach: Es ist vor allem die schiere Masse, die wir verbrauchen. Nicht nur an Weihnachten, sondern insgesamt im Winter benutzen wir wahnsinnig viele Kerzen. Das ist das allergrößte Problem. Wenn wir minimalistischer wären und statt fünf nur eine Kerze aufstellen würden, wäre schon viel geholfen.

Aber umweltfreundlich sind sie auch nicht, oder?

Achenbach: Richtig, die Bestandteile sind problematisch. Die meisten Kerzen bestehen
aus Erdöl. Und selbst bei Bienenwachs ist es so, dass Bienen unheimlich lange für das Wachs einer Kerze brauchen. Wir kommen da an unsere natürlichen Grenzen und daran müssen wir uns wieder gewöhnen.

Wie soll ich mich als Verbraucher dann am besten verhalten? Wie erkenne ich gute Kerzen?

Achenbach: Wir benutzen wirklich viel, viel weniger Kerzen als früher. Und wenn, dann nur nachhaltige Kerzen aus Bio-Bienenwachs aus einer ökologischen Imkerei. Die sind teurer, das stimmt, aber dadurch benutzt man auch schon mal weniger. Es gibt aber auch Kerzen aus nachwachsenden Rohstoffen wie Raps oder Soja. Und auch da würde ich auf den ökologischen Anbau achten. Da muss man teilweise leider etwas länger suchen. Und ansonsten zurückkommen zum Wertschätzen von einer Kerze, die auf dem Tisch brennt.

Wer kennt sie nicht – die Geschenkpapier-Schlacht unterm Tannenbaum. Wie kann ich meine Geschenke müllfrei einpacken?

Achenbach: Ja, die fällt einem vor allem auf, wenn man Kinder hat. Das einfachste ist die japanische Wickeltechnik mit Tüchern und Stoffen, die man schon zu Hause hat – Furoshiki. Ist wirklich ganz easy, und alles was man braucht, ist ein Halstuch. Wir haben jetzt im engeren Familienkreis regen Tüchertausch.

Schenkt man so in Japan?

Achenbach: Da wird ganz viel so verpackt. Auch zum Beispiel Flaschen, damit diese nicht aneinanderschlagen. Aus Tüchern entstehen mit der Knotentechnik auch Taschen fürs Picknick.

„Wir sollten mehr Liebe und Zeit schenken.“

„Kinder sind viel
aufgeschlossener.“