Gehirntraining mit kindlichen Spielen

Kinder entwickeln sich im Spiel weiter


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Schon im Ultraschall kann man Kinder beim Spielen beobachten. Fröhlich schlagen Babys im Bauch Purzelbäume und nuckeln am Daumen. Was auf den ersten Blick vor allem niedlich ist, folgt einem höheren Sinn, erklärt André Zimpel, Professor an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Uni Hamburg. „Spielen ist ein zentraler Bestandteil einer gesunden kindlichen Entwicklung und wichtig für die Ausbildung unseres Nervensystems und die Hirnreifung.“

Kinder entwickeln verschiedene Fähigkeiten durch das Spielen 

Tatsächlich verbringen Kinder die meiste Zeit des Tages damit zu spielen und machen dabei immense Fortschritte in ihrer Entwicklung. Schon Babys entdecken beim Spielen sich selbst, ihre Umwelt und ganz neue Fähigkeiten – greifen, schmecken, fühlen, hören. Im Laufe des zweiten Lebensjahres gibt es erste Ziele beim Spielen: den höchsten Turm aus Bauklötzen bauen, die größte Matschpfütze erobern. Außerdem beginnt das Als-ob-Spiel: Der Bauklotz wird zum Telefon, der Teddy zum Gesprächspartner.

Mit drei bis vier Jahren wird das Spiel sozialer. Die Kinder spielen häufiger mit ihren Freunden. Vor allem Rollenspiele wie Mutter, Vater, Kind oder Polizist und Räuber. Im Vorschulalter werden Gesellschaftsspiele und Regeln interessant. Bis dahin haben sich etwa 80 Prozent der Intelligenz entwickelt – auf der Krabbeldecke, auf dem Spielplatz, beim Bauklötzestapeln. „Im Spiel sammeln Kinder wichtige Bewegungserfahrungen, erleben Emotionen wie Freude, Wut, Stolz und Enttäuschung. Sie begreifen ihre Welt, loten Grenzen aus und werden selbstständiger und selbstbewusster“, erklärt Zimpel weiter. Man könnte sagen, spielerisch stellen sie die Weichen für ihr späteres Leben.

Im besten Fall sind die Eltern dabei involviert. Gerade am Anfang verbringen sie viele Stunden neben dem Gitterbettchen oder auf der Krabbeldecke, lächeln, singen vor, spielen Verstecken oder stapeln Klötze. Nur für ein kleines Glucksen, ein schönes Lächeln. Im Laufe des Kleinkindalters werden Mama und Papa zu Randfiguren und Assistenten, bleiben aber wichtige Gefährten: Sie geben die nötige Sicherheit für Entdeckungen und sind Vorbilder zum Nachahmen. Kinder lernen nicht nur durch Ausprobieren, sondern auch durch Beobachtung.

Doch die elterliche Verantwortung im Spiel wirft auch Fragen auf. Wie aktiv müssen Mama oder Papa beim Spiel sein? Brauchen Kinder fußballspielende, Bauklotz stapelnde, Puppen-Tee trinkende Dauerentertainer? „Gerade junge Eltern sind oft sehr motiviert und neigen etwas zum Überaktionismus. Dabei sind Dauerentertainment und ständige Reize von außen gar nicht nötig“, sagt Rahel Dreyer, Professorin für Pädagogik und Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin. Viel wichtiger ist aus ihrer Sicht Aufmerksamkeit und Präsenz ohne Blick auf das Smartphone oder den Fernseher. Das Kind werde von allein signalisieren, wann Mama oder Papa ins Tor gehen oder im Teddykrankenhaus aushelfen sollen.

Freiheit ist ein wichtiger Faktor für das Spielen. Ohne klare Vorgaben von außen, ohne Zeitdruck hat das Kind die Chance, eigene Regeln und Welten zu erfinden, kreativ zu sein, sich mit Erlebtem im Spiel auseinanderzusetzen. Die Kritik vieler Pädagogen: Zwischen Spielgruppen, Musikunterricht und Fußballverein bleibt kaum noch Platz für das freie Spiel. Aber bei Dauerbespaßung bleiben Neugier und Eigeninitiative auf der Strecke.

Rückzug oder Kreativitätspause?

Auch wenn die meisten Eltern es einfach nur gut mit ihrem Kind meinen, übersehen viele, dass sich Kinder nach einem langen Tag in der Kita nach Entspannung und Rückzug sehnen. Ein, zwei feste Termine pro Woche reichen völlig aus, immer passend zu den Interessen und Bedürfnissen des Kindes. Und die restliche Zeit darf es auch mal ruhig und „langweilig“ sein.

„Nichtstun hat bei Erwachsenen einen viel zu schlechten Ruf. Dabei bietet es die Gelegenheit, sich neue Spielideen einfallen zu lassen“, findet Dreyer. Das fördere die Kreativität. Eltern kennen solche Momente, verdächtige Ruhe, dann lautes Lachen, schon stehen sie vor einem neuen Kunstwerk aus Kreativität und Blödsinn und der Frage: Ist die große Pfütze im Wohnzimmer Anlass zum Schimpfen oder eher zum Lachen über so viel kindlichen Einfallsreichtum?

„Gerade junge Eltern sind oft sehr motiviert und neigen zum Überaktionismus.“ Rahel Dreyer, Professorin für Pädagogik

Von Birk Grüling


Freie Zeit nimmt ab

Laut einer Umfrage des Spielzeugherstellers Lego spielt ein Drittel aller Familien in Deutschland weniger als fünf Stunden pro Woche mit ihren Kindern. Knapp zwei Drittel (64 Prozent) der deutschen Familien spielen mehr als fünf Stunden pro Woche. Lego sieht dabei einen Zusammenhang zwischen Spielzeit und Zufriedenheit. Demnach sind 87 Prozent der deutschen Familien, die mehr als fünf Stunden spielen, glücklich. 71 Prozent, die weniger spielen, aber auch. Unterstützung für diese Thesen gibt es von der American Academy of Pediatrics (AAP). Auch hier stellten die Forscher fest, dass sich die Möglichkeiten für Kinder, frei zu spielen, verringert haben. Als Gründe dafür sehen sie die steigende Erwerbstätigkeit von beiden Eltern, den Rückgang an sicheren Spielflächen und mehr digitale Ablenkung.

red