Die richtige Balance finden

Das Nest steht für Zugehörigkeit, die Flügel für Freiheit. „Man kann Bindung und Autonomie nicht trennen“, sagt Stefanie Stahl in ihrem Vortrag. Foto: Andreas Veigel

Das Kind in der besten Trotzphase schleudert seine Zahnbürste auf den Boden: „Nein“, brüllt es. Und es setzt noch einen drauf: „Du bist blöd!“ – Wie reagieren Eltern? Kommen ihnen die Tränen, weil sie enttäuscht glauben, ihr Kind liebe sie nicht? Oder werden sie wütend und brüllen aggressiv zurück? Dann fühlen sie sich vielleicht nicht respektiert. Dem Kind, gerade mal drei Jahre alt, ist es in beiden Fällen offensichtlich gelungen, seine Eltern zu triggern, also starke Gefühle auszulösen.

Natürlich liebe und respektiere ein Kind seine Eltern, sagt Stefanie Stahl bei der Präsentation ihres Buches „Nestwärme, die Flügel verleiht“ bei Osiander Heilbronn. Doch wer selbst im frühen Kindesalter von den Eltern auf negative „Glaubenssätze“ geprägt wurde, leide unter einem schwachen Selbstwertgefühl. „Ich werde nicht respektiert, meine Wünsche sind nicht wichtig“, können solche Überzeugungen lauten. Auch „Ich genüge nicht“ ist der Psychologin und Erfolgsautorin zufolge „ein wahnsinnig verbreiteter Glaubenssatz“.

Beziehungsfähig? Bei Menschen, die, unbewusst, solche Sätze verinnerlicht haben, ist etwas aus der Balance geraten: das Verhältnis zwischen den wichtigsten Grundbedürfnissen im Leben, zugleich die tragenden Säulen der Beziehungsfähigkeit. Das Bedürfnis nach Bindung und Zugehörigkeit einerseits. Und andererseits das nach Autonomie und Selbstständigkeit. Sie sind Opfer ihrer eigenen Erziehung. Und werden ihrem Kind nun zum schlechten Vorbild, weil sie, getriggert, sehr unerwachsen reagieren. Sie fühlen sich provoziert. „Da haut man Sätze raus, die man niemals sagen wollte, weil die eigenen Eltern einen schon damit verletzt haben“, weiß die auf Bindungsangst und Selbstwertgefühl spezialisierte Psychologin: „Alle starken Gefühle blockieren Lösungswissen, Angst, Wut und auch Euphorie“, sagt sie. Mit dem Zusatz „Das weiß jeder, der schon mal falsch verliebt war“, sorgt sie für Lacher.

Doch die Balance zwischen Anpassung (Bindung) und der Ausübung von Kontrolle (Autonomie) zu finden, ist nicht so einfach, wie es in Stahls salopp-locker-flockigem Vortrag erscheint. Es zu versuchen, lohnt sich aber. Denn wenn es gelingt, ist das „toll fürs Selbstwertgefühl“. Sie glaubt: „Es ist nie zu spät, daran zu arbeiten.“

Dabei helfe, so die Psychologin, nur Selbstreflexion: „Ab dem Moment, wo einem das bewusst wird (etwa warum man aggressiv wird), können die Automatismen gar nicht mehr so ablaufen.“ Wenn der Puls steigt, müsse man sich rechtzeitig ertappen. „Dann hilft nur starke Ablenkung. Am besten rausgehen oder ganz viel Wasser trinken.“

Der Vater, der Stahl in ihrer Praxis konsultierte, weil er ausrastete, wenn sein kleiner Sohn sich weigerte, Zähne zu putzen und ihn beschimpfte, brauchte nur zwei Sitzungen. „Dann hatte er das Problem im Griff“, sagt die Psychologin. „Er war nur normal gestört, wie wir alle hier“, das Publikum lacht. „Bei Endgestörten ist das schwieriger.“

Betroffen Nach 75 Minuten atmen 80 Zuhörer, zu circa 85 Prozent weiblich, durch. Was bei Stahl so leichtfüßig daherkommt, ist für viele ein schwerer Schritt. Und wie üblich bei solchen Veranstaltungen: Die es nötig hätten, schwänzen – die Männer. So tönt es aus einer Fünfergruppe, die noch sitzen bleibt, um die Eindrücke betroffen zu diskutieren. Der einzige Mann im Kreis der befreundeten Eltern steht da schon ein paar Meter weiter am Bücherregal.

„Alle starken Gefühle blockieren Lösungs-wissen. Das weiß jeder, der schon mal falsch verliebt war.“ Stefanie Stah

Von unserer Redakteurin
Susanne Schwarzbürger