Die erste Regelblutung-Party

Lieber Bolognese-Soße auf der Bluse


Foto: RND

Wir feierten gerade den Geburtstag meiner großen Tochter (11), als die Tischgesellschaft in schallendes Gelächter ausbrach. Nur meine 14-jährige Nichte saß mit errötetem Gesicht stumm daneben. Die Patentante fragte vorsichtshalber noch mal nach: „Worüber schreibst du?“ Ich antwortete nüchtern: „Periodenpartys!“, und die versammelte Verwandtschaft prustete erneut los.

Erstaunlich, aber das Thema Periode ist bei uns, also in Deutschland im Jahr 2020, immer noch schambehaftet. Sprechen wir darüber, werden wir rot oder ein bisschen gaga. Warum sind wir eigentlich so verkrampft? Und wie kriege ich das für meine Tochter besser hin, wenn es für sie so weit ist?

Perioden Motto-Party 

Viele Eltern in den USA und inzwischen auch hierzulande scheinen sich diese Frage auch gestellt zu haben und finden, nun ja, erstaunliche Antworten: Seit geraumer Zeit schmeißen sie Partys, um die erste Menstruation der Tochter zu feiern. So wollen sie ihren Töchtern helfen, sich von dem Stigma Periode zu befreien und die Scham und Unsicherheit zu überwinden.

Und weil es ja so etwas wie eine Mottoparty ist, sind die Details entsprechend abgestimmt: Es gibt zum Beispiel Torten, auf denen in blutroter Schnörkelschrift „Gratulation zur ersten Periode“ steht, Plätzchen in Gebärmutterform und Cakepops in Tampon-Optik, also mit einer Schnur am einen und roter Lebensmittelfarbe am anderen Ende. Manche Mädchen geben ihrer Periode sogar einen Namen, der dann auf die Torte gepinselt wird. Wer noch mehr Inspirationen braucht, kann sich gern durch verschiedene soziale Netzwerke klicken. Das hat unsere Tischgesellschaft an diesem Abend auch getan. Bei der Uterus-Piñata ist mein Mann vor Lachen fast vom Stuhl gefallen.

Keine Scham

Es hat tatsächlich etwas Groteskes, diese halloweenartige Aufbereitung einer so intimen Angelegenheit wie der Menarche, also der allerersten Periode. Aber ist es wirklich total verrückt, wenn sich Mädchen dafür feiern, eine Frau zu werden, statt sich dafür zu schämen? Machen wir es uns vielleicht ein bisschen zu leicht, wenn wir uns nur darüber lustig machen?

Unsere Kinder haben heute alle Möglichkeiten, aufgeklärt aufzuwachsen. Was während der Periode genau im Körper passiert, wissen aber die wenigsten. Dabei betrifft sie immerhin mehr als 3,5 Milliarden Menschen weltweit. Gesprochen wird darüber trotzdem selten. Wir selbst gehen zu Hause zwar locker mit diesem Thema um (die Funktionsweise der Menstruationstasse etwa ist für meine Kinder immer wieder ein Faszinosum), aber gesellschaftlich sieht das schon anders aus.

Noch immer ein Tabu

Wer glaubt, die Menstruation sei doch kein Tabu mehr, stelle sich mal vor, selbst mit einem Blutfleck zwischen den Beinen im Büro zu sitzen. Die meisten von uns würden dann doch lieber die Bolognese-Soße auf der Bluse nehmen. Die Periode scheint für uns keine gute Gesellschaft zu sein. Und wer sagt schon einen Termin wegen Menstruationsbeschwerden (PMS) ab? Lieber haben wir Migräne, da gibt es keine Diskussionen. Und warum wird in der Werbung eigentlich blaue Flüssigkeit in eine Binde getröpfelt, statt, wie es doch eigentlich sinnvoll wäre, rote? Vermutlich, weil Menstruationsblut auch heute noch für viele vor allem eines ist: eklig.

Meilenstein in der Entwicklung eines Mädchens 

Und dieser Ekel hat Tradition. In vielen Kulturen, übrigens auch im Christentum, galten oder gelten Frauen als unrein, wenn sie ihre Periode haben. In manchen Regionen dürfen menstruierende Frauen selbst heute noch weder Schulen noch Tempel betreten, und selbst ihr Ehemann darf sie nicht berühren. Gleichzeitig galt die Menstruation auch als etwas Magisches und die Menarche als wichtiges Ereignis in der Entwicklung eines Mädchens. Das mit der Periodenparty haben die Amerikaner also nicht erfunden. Es ist eine jahrhundertealte Tradition in verschiedenen Kulturen, den Übergang zur Frau zu zelebrieren.

Als Kind war ich sogar selbst mal auf so eine Periodenparty eingeladen – natürlich ohne Kitsch, dafür mit ganz viel Blumenschmuck und bunten Gewändern und Musik und Tanz. Meine tamilische Freundin hatte meine Klassenkameradinnen und mich zu ihrer Pubertätszeremonie eingeladen. Weil wir keine Ahnung hatten, was man da so schenkt, haben wir Gold und eine Happy-Birthday-Karte besorgt. So eine Periodenparty war für uns zehnjährige Mädchen schon etwas skurril. Aber auch schön. Als Kind feiert man schließlich die Feste, wie sie fallen.

Party unter Absprache 

Und irgendwie ist es doch schöner, etwas zu zelebrieren, das ja ohnehin auf alle Mädchen zukommen wird, als darüber traurig oder gar beschämt zu sein. Doch Scham hat auch ihren Zweck. Sie hilft, sich abzugrenzen. Nicht ohne Grund sind Jugendliche ständig dabei, sich zu schämen – für sich oder für die Eltern. Unseren Töchtern eine Party aufzudrängen, die in unserem Kulturkreis eigentlich gar nicht verankert ist, und so das Schampotenzial maximal zu steigern, ist sicher keine gute Idee. Auch in den USA lassen es manche Eltern etwas langsamer angehen und feiern die Menarche mit einer kleinen Shoppingtour oder einem netten Filmabend. Grundsätzlich ist es wohl das Beste, einfach darüber zu reden, was sich die Mädchen gerade wünschen.

Von Leonie Schulte


Verständnis für die Scham der Tochter

Auch wenn die wenigsten Mädchen in Deutschland Lust auf eine – als peinlich empfundene – Periodenparty haben werden: Über ihre erste Regelblutung, die Menarche, können sie sicherlich eher lachen, wenn man ihnen erzählt, dass solche Partys in anderen Ländern normal sind. Wichtig ist auf jeden Fall: Eltern sollten einfühlsam und gleichzeitig locker mit diesem Schritt in die Erwachsenenwelt ihrer Tochter umgehen. Sie aufklären, insbesondere über den Umgang mit Binden, Tampons oder Menstruationstasse und Verständnis für ihre natürliche Scham zeigen.
sb