Beziehungsstress als Konsequenz

Privates Liebesglück und berufliche Belastung schließen sich oft gegenseitig aus. 


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Die Deutschen haben laut einer aktuellen Studie immer weniger Sex. Ein Grund dafür sei zu viel Stress im Beruf. Doch nicht das Ausmaß an Belastungen ist für Beziehungskrisen verantwortlich, sondern wie Paare damit umgehen. Am wichtigsten für das Liebesleben ist ohnehin die gemeinsam verbrachte Zeit.

Stress schadet der Liebe

Wenn die Tage im Büro immer länger werden und sich die Überstunden häufen, wirkt sich das negativ auf unsere Stimmung aus. Und oft hört der Stress nicht auf, wenn wir Feierabend machen – denn wir neigen dazu, die Probleme mit nach Hause zu nehmen. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Stress der Liebe schadet und ein echter Risikofaktor für Beziehungen ist.

Der kürzlich veröffentlichte „Freizeit-Monitor 2019“ kommt zu dem Ergebnis, dass die Deutschen immer weniger Sex haben. Gerade einmal 52 Prozent der Bundesbürger haben mindestens ein Mal im Monat Sex. Fünf Jahre zuvor waren es immerhin noch 56 Prozent. Zwar sind davon besonders Singles und Rentner betroffen, doch auch bei den Paaren macht sich die zunehmende Lustlosigkeit bemerkbar. Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß von der Hochschule Merseburg gibt dafür vor allem beruflichem Stress die Schuld: „Kurz nach der Arbeit nach Hause kommen und sexuell funktionieren zu sollen, geht nicht beziehungsweise nur schwer.“

Nicht nur für intime Momente sollten Paare sich Zeit nehmen, sondern auch für Gespräche. Was selbstverständlich klingen mag, ist in Phasen der Anspannung besonders wichtig. Denn unter Stress neigen wir eher zum Nörgeln, Kritisieren und verhalten uns dem Partner gegenüber weniger wertschätzend. Deshalb sollten beide Partner direkt und offen ansprechen, was sie beschäftigt. Das gilt sowohl für berufliche Belastungen, als auch für generelle Wünsche und Bedürfnisse. Denn nicht das Ausmaß von Stress ist für Beziehungskrisen verantwortlich, sondern wie wir mit der Belastung umgehen. Anstatt als Einzelkämpfer in den Ring zu steigen, sollte man die berufliche Situation als gemeinsame Herausforderung sehen und überlegen, wie diese am besten zu meistern ist. Denn aus gegenseitigem Verständnis können Paare viel Kraft ziehen. Außerdem ist es hilfreich, sich zu vergegenwärtigen, dass das Problem nicht in der Beziehung liegt, sondern ein äußerer Umstand ist.

Beziehung ist kein Wettbewerb

Natürlich spielt auch Neid eine große Rolle bei Krisen in der Partnerschaft. Veränderungen, die eine Beförderung oder Arbeitslosigkeit mit sich bringen, können einen Machtkampf in der Beziehung auslösen. Begegnete man sich vorher auf Augenhöhe, können sich durch das neue Ungleichgewicht plötzlich Neid und Missgunst breitmachen. „Gut ist es, wenn sich ein Paar an Werten misst, nicht an Leistung“, erklärt Paartherapeutin Vera Matt. „Manchmal reiben sich Paare an der Frage, wer am meisten für die Beziehung tut. Dahinter steht der Wunsch, eine gute Partnerschaft zu haben.“ Dies sei zwar ein gutes Ziel, aber nicht die beste Strategie. Deshalb rät Matt dazu, den Wettbewerb in eine neue Richtung zu lenken: miteinander statt gegeneinander.

Oft kann es auch hilfreich sein, die eigene Freizeitgestaltung zu überdenken. Denn anstatt Zeit mit dem Partner zu verbringen, dominieren häufig Medien unseren Alltag: Laut „Freizeit-Monitor“ gehören Fernsehen, Musik hören und das Surfen im Internet derzeit zu unseren beliebtesten Freizeitaktivitäten. Auch vermeintliche Verpflichtungen wie Treffen mit Freunden oder der Familie, die wir nach Feierabend unbedingt noch in unseren Tag quetschen wollen, müssen vielleicht nicht zwangsläufig sein. Im Sinne der Achtsamkeit sollten wir deshalb auch unsere Freizeit-Prioritäten überdenken und uns von Dingen befreien, die unser Leben nicht bereichern, sondern im Gegenteil noch mehr Stress verursachen.

Gemeinsame Zeit als Wundermittel

Wenn sich der berufliche Stress auch auf die Beziehung auswirkt, liegt das vor allem an fehlender gemeinsamer Zeit. Häufig ist der Terminkalender vollgestopft bis oben hin, und die unterschiedlichen Arbeitszeiten tragen ihren Teil zum Dilemma bei. Um mehr Freiraum für Zweisamkeit zu schaffen, kann es helfen, seinen Tag umzustrukturieren. Anstatt das Frühstück, die Joggingrunde im Park oder den Einkauf fürs Abendessen getrennt zu erledigen, könnten sich Paare hier zusammentun. Außerdem sei es ratsam, so die Experten, einen festen Abend in der Woche nur für gemeinsame Unternehmungen einzuplanen.

Und: Um die Spannung in der Beziehung und Neugier aufeinander zu erhalten, raten Paarberater gemeinhin auch dazu, sich mit dem Partner mal wieder „zu einem richtigen Date“ zu verabreden.

„Manchmal reiben sich Paare an der Frage, wer am meisten für die Beziehung tut.“ - Vera Matt, Paartherapeutin

Von Michèle Förster


Ergebnisse im Detail

Schaut man sich die Ergebnisse des „Freizeit-Monitors“ genauer an, stellt man schnell fest: Die Mediatisierung der Freizeit setzt sich ungebrochen fort. Leitmedium der Bundesbürger bleibt nach wie vor das Fernsehen. Nahezu jeder Deutsche (94 Prozent) schaltet regelmäßig, also wenigstens einmal pro Woche, in die Programme der öffentlich-rechtlichen und privaten Sendeanstalten. Von hoher Beliebtheit sind zudem das Radiohören (88 Prozent) und das Telefonieren von daheim (87 Prozent) – knapp gefolgt vom Musikhören (83 Prozent), im Internet surfen (81 Prozent) und vom Telefonieren mit dem Smartphone (73 Prozent).

Das Nutzen des Smartphones für andere Aktivitäten ist mittlerweile ebenfalls für eine Mehrheit der Bevölkerung (57 Prozent) selbstverständlich. Die Beliebtheit des Chattens, Spielens oder Surfens mit dem Mobiltelefon hat sich allein in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt. Für Professor Ulrich Reinhardt, den wissenschaftlichen Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen, die den „Freizeit-Monitor“ herausbringt, ist es demnach nur noch eine Frage der Zeit, bis die digitalen Medien die Spitzenplätze erreichen. Erstmals seit Jahren bliebt der Anteil der Zeitungsleser im Vergleich zum Vorjahr konstant, während der Anteil der regelmäßigen Social-Media-Nutzer im Jahresvergleich zu 2018 sogar leicht rückläufig war. Reinhardt: „Das Angebot vieler Zeitungen ihre Inhalte auch digital anzubieten, zeigt erste Erfolge.“