Beziehungskrise oder Entfremdung

Sollte man als Eltern um die zerrüttete Beziehung kämpfen?


Offen und ehrlich über die eigenen Wünsche miteinander reden – viele Paare verlernen das über die Zeit und entfremden sich voneinander.
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Wenn man jahrelang verheiratet ist und gemeinsame Kinder hat, schläft die Beziehung manchmal ein. Aber was, wenn gar nichts mehr intakt ist? Trennung oder wegen der Kinder um die Beziehung kämpfen?

Die Paartherapeutin Marga Bielesch aus Weimar meint: „Dass man sich fragt, ob es überhaupt Sinn macht, um die Beziehung zu kämpfen, kann ich gut verstehen – gerade, wenn die Situation ausweglos erscheint.“ Zumal es nicht leicht sei, sich schwierigen partnerschaftlichen Themen zu stellen. Gerade das könne sich aber rückblickend als Gewinn herausstellen, wenn das Tal der Tränen durchschritten ist. „Krisen haben immer auch etwas Gutes. Wenn Paare eine gemeinsame Krise überwinden, wird sich die Beziehung zueinander vertiefen“, sagt die die Mutter zweier Kinder, die in ihrer Praxis Paare und Familien in schwierigen Lebenssituationen begleitet.

Stärken beibehalten - Schwächen verändern

Um Krisen zu überstehen, bedarf es der Veränderung der bisherigen Form der Auseinandersetzung und einer neuen Vision. „Streitpaaren ist zu empfehlen, aus ihren Konflikten das Tempo rauszunehmen. Es ist wichtig, dass Dialoge entschleunigt werden, damit der Schlagabtausch, der Streitgespräche beherrscht, weniger Raum bekommt“, sagt Bielesch. Paare, die sich dagegen nur noch anschweigen, müssten zunächst ihre Sprachbarrieren überwinden. „Dafür reichen anfangs kurze Gespräche, gerne auch über leichte Themen. Schritt für Schritt bewegt man sich so wieder aufeinander zu.“

In Krisen gilt außerdem: Alles, was bis jetzt gut funktioniert und gestärkt hat, darf so bleiben, wie es ist. Alles andere braucht eine Veränderung. Schnelle Lösungen können dabei zwar kurzfristig zielführend sein, richtige Veränderungen aber brauchen Zeit. „Sich schwierige Themen einmal genauer anzuschauen, lohnt sich. Schafft man es als Paar nicht allein, kann man sich neutrale Hilfe von außen holen.“ Familienmitglieder, Freund oder Freundin seien keine geeigneten Ratgeber.

Daniel Konermann sieht die aktive Arbeit an der Partnerschaft grundsätzlich als unumgänglich an, um sie auf lange Sicht lebendig und gesund zu halten. Ist sie das nicht mehr, stellt sich für ihn die Frage: „Wofür bin ich bereit, meine Energie weiter einzusetzen: Für meine Beziehung? Oder doch eher für ein neues Leben?“ Dabei lohnt es sich für den Heidelberger Psychotherapeuten zu hinterfragen, was ursächlich für das Auseinanderleben ist. „Hat man den Fokus woanders hingerichtet als auf den Partner – auf die Arbeit, die Kinder oder auf einen anderen, attraktiver erscheinenden Menschen –, dann verliert eine Beziehung irgendwann ihre Lebendigkeit. Es fließt kein frisches Blut mehr durch ihre Adern.“ Wenn sich Paare in Restaurants schweigend gegenüber sitzen, liegt das für den Einzel- und Paartherapeuten häufig nicht daran, dass sie sich nichts mehr zu sagen hätten, sondern daran, dass die Dinge, die sie sich zu sagen hätten, zu heikel sind. „Häufig werden dann gewisse verletzliche Themen verschwiegen, auf eigene Bedürfnisse verzichtet, Phantasien oder Träume nicht mehr geteilt, aus Angst vor Frustration oder Zurückweisung.“

Offen und ehrlich reden 

Doch ohne seine Bedürfnisse zu offenbaren, kann keine Beziehung funktionieren. Konermann sagt: „Erwachsen sein heißt: Ich bin bereit, Verantwortung für meine Bedürfnisse zu übernehmen. Ich habe etwas zu geben und kann aus meiner Komfortzone herausgehen, vielleicht auch Dinge opfern, aber ich weiß, dass ich im Zweifel auch alleine leben kann. Wenn wir uns das bewusst machen, sind wir wieder frei zu entscheiden, ob wir diese Partnerschaft wirklich noch wollen.“

Von Birk Grüling