Besondere Geschenke zu Weihnachten

Wie wär’s mit gemeinsamer Zeit zu Weihnachten?


Foto: MNStudio/stock.adobe.com
Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Gabriele Häußler über die Schwierigkeiten des Wartens und Schenkens.

Wann ist endlich Weihnachten? Das Warten auf Heiligabend fällt Kindern oft schwer. Doch gerade diese erwartungsvolle Spannung ist eine enorm wichtige Erfahrung, sagt die Heilbronner Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Gabriele Häußler. Warum das so ist, und welche Möglichkeiten Eltern haben, Weihnachten mit ihren Kindern zu einem besonderen Erlebnis zu machen, erklärt sie im Interview.

Wir befinden uns mitten im Advent. Können wir Erwachsene uns überhaupt vorstellen, wie ein kleines Kind diese Tage erlebt? Schließlich rast für uns die Zeit oft dahin, und dann kommt noch der Weihnachtsstress hinzu.
Gabriele Häußler: Kinder haben ein ganz anderes Zeiterleben als wir Erwachsene. Eine für uns kurze Zeitspanne ist für sie oft wie eine Ewigkeit. Darum brauchen Kinder Unterstützung, um das Warten auf Weihnachten zu meistern.

Der Advent ist für Kinder also eine Herausforderung?
Häußler: Ja, für manche sogar eine sehr große. Kleinkinder haben ja fast noch gar keine Frustrationstoleranz. Das heißt: Wenn sie ein Bedürfnis haben, muss es sofort befriedigt werden. Sie müssen erst noch lernen, Bedürfnisse aufzuschieben und warten zu können – etwa bis das Fläschchen warm gemacht ist oder bis Mama die nächste Zuwendung gibt. Aber auch viele ältere Kinder verfügen heutzutage über keine hohe Frustrationstoleranz. Weil sie in frühen Jahren über das Maß verwöhnt wurden, jeder Wunsch umgehend erfüllt wurde, haben sie nicht gelernt, ihre Bedürfnisse aufzuschieben. Doch das ist wichtig. Wenn es später in der Schule darum geht, Aufgaben zu lösen, die nicht auf Anhieb bewältigt werden können, benötigen sie diese Fertigkeit.

Das erleben Sie so bei der Arbeit?
Häußler: Natürlich, deutlich. Wir behandeln viele Kinder, die nur noch ganz wenig aushalten. Diese Kinder rasten schnell aus, wenn sie nicht gleich bekommen, was sie möchten, weil sie ihre Gefühle nicht unter Kontrolle haben. Weil es ihnen in den frühen Jahren zu gut gegangen ist, in dem Sinne, dass sie zu schnell bekommen haben, was sie gebraucht haben. Dies ist ein Phänomen unserer Zeit. Ich denke, früher sind Kinder oftmals mit einem Zuwenig, einem Mangel aufgewachsen. Heute erleben sie oft ein Zuviel, einen Überfluss.

Auch für Eltern ist es eine Herausforderung, wenn sie das Kind bis Weihnachten vertrösten müssen?
Häußler: Bis zum 24. zu warten, ist heute auch für viele Erwachsene eine wichtige Übung, natürlich. Die Vorweihnachtszeit kann aber für beide Seiten – Eltern wie Kinder – eine sehr positive Erfahrung darstellen. Zumal sie auch eine Zeit ist, in der es sehr heimelig zugeht, in der Rituale stattfinden, in der es nach Plätzchen und Zimt duftet, also eine Zeit mit intensiven Eindrücken. Und eine Zeit, um Stress abzubauen und zu entschleunigen.

Wie wichtig sind Rituale wie Laterne laufen, Plätzchen backen, wichteln, Lieder singen, Kerzen am Adventskranz anzünden?
Häußler: Sie sind für Kinder sehr wichtig, weil sie ihrem Zeiterleben eine Struktur geben, Orientierung bieten.

Das heißt, auch Kinder, die noch nicht bis drei zählen können, sehen anhand des Adventskalenders, dass das Warten nicht ewig dauert?
Häußler: Genau. Es gibt einen Anfang, und es gibt ein Ende.

Können Eltern, die die Adventszeit zu etwas Besonderem machen, auch selbst davon profitieren?
Häußler: Es ist eine Zeit, die gerade durch die Rituale die Möglichkeit gibt, dem eigenen Kind näherzukommen, die Beziehung zueinander zu leben und zu genießen.

Wie ist es mit der Fantasie. Ist der Glaube an Weihnachtsmann und Christkind wichtig für Kinder, oder können Eltern auch mit offenen Karten spielen?
Häußler: Es gibt eine Phase zwischen zwei und etwa fünf Jahren, die bezeichnet man in der Entwicklungspsychologie als magisch-animistische Phase. Kinder hören in dieser Zeit gerne Märchen und glauben auch an das, was erzählt wird. Sie träumen davon und sprechen darüber. Es gibt keinen Grund, ihnen diese Fantasien zu nehmen. Irgendwann stellen sie von selbst Fragen: Kann das denn sein? Dann, denke ich, sollte man auch ehrliche Antworten geben. Ansonsten fühlen sie sich belogen und betrogen.

Irgendwann ist es soweit. Heiligabend ist da. Und Eltern, Großeltern, Paten häufen Geschenke unter dem Baum auf. Ist das für ein Kind toll oder überfordert es so eine Geschenkeflut?
Häußler: Ein noch kleines Kind ist überfordert. Es wird alle Päckchen aufmachen und sitzt dann vor einem Berg von Geschenken, weiß aber gar nicht, wo es hinschauen soll, womit zuerst spielen. Es kann sich ja gar nicht auf eine Sache einlassen und fühlt sich von all den Reizen überflutet.

Die Alternative?
Häußler: Die schönsten und die wertvollsten Geschenke sind Beziehungsgeschenke. Ein Kinobesuch mit anschließendem Eisessen. Ein Wochenendausflug mit Oma und Opa. Damit tun Erwachsene etwas sehr viel Besseres, als wenn sie ein neues Computerspiel kaufen, mit dem das Kind allein vor dem PC sitzt.

Macht es dann nicht Sinn, wenn Eltern versuchen, die Geschenkeflut einzudämmen und andere bitten, sich zurückzuhalten?
Häußler: Es macht schon einen gewissen Sinn, sich mit Großeltern, Tanten, Freunden abzusprechen, welche Geschenke für das Kind gerade passend sind. Und ich lege Eltern immer nahe zu überlegen, statt Spielzeug Beziehung zu schenken. Einen Zirkusbesuch. Bücher, die man gemeinsam liest. Spiele, die man zusammen spielt.

Wobei das Kind in dem Moment der Bescherung sicher nicht so strahlen wird, wenn es statt eines ferngesteuerten Monstertrucks zu hören bekommt, dass man mit ihm etwas unternimmt.
Häußler: Aber an dem Nachmittag, an dem das Kind mit seiner Oma in den Tierpark geht, wird es strahlen. Und es wird dann seiner Oma näherkommen. Beide erleben miteinander Beziehung. Und das ist es, was Geschenke wertvoll macht.

Wie wichtig ist die persönliche Anwesenheit? Manche schicken ja nur ein Päckchen oder Geld.
Häußler: Das kann für einen Jugendlichen, der auf etwas Großes spart, passen. Jüngere Kinder haben zu Geld aber gar keinen Bezug. Und ein kleines Kind hat ja oft noch nicht mal eine richtige Vorstellung von Oma oder Tante, wenn es die Erwachsenen nicht häufig sieht. Kommt dann nur ein Päckchen, kann es auch das Geschenk nicht der Person zuordnen.

Damit gibt es aber nur zwei Alternativen. Man versammelt mehrere Generationen um den Tannenbaum, oder man feiert an einem Tag zu Hause, am nächsten bei Oma, am dritten bei den Schwiegereltern.
Häußler: Jüngere Kinder sind mit einer Dauerbescherung sicherlich überfordert. Ältere haben oft gar kein Interesse, mehrere Tage rumzureisen. Sie feiern am liebsten mit ihren Freunden. Zusammen zu feiern, ohne sich mit Geschenken zu überhäufen, ist aus meiner Sicht eine sinnvolle Lösung.

Und die vielen unerfüllten Geschenkewünsche?
Häußler: Es ist nicht die Aufgabe von Eltern, alle Wünsche ihrer Kinder zu erfüllen, sondern deren Bedürfnisse wahrzunehmen. Und da geht es insbesondere darum, die Beziehungen zueinander zu leben und mit Erlebnissen zu füllen. Das kann man nicht kaufen. Aber man kann es schenken, mit Zeit und Liebe.

Von unserem Redakteur Andreas Tschürtz


Zur Person

Gabriele Häußler ist Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin, praktiziert seit mehr als 20 Jahren in einer eigenen Praxis in Heilbronn und bietet analytische und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie bei Säuglingen, Kleinkindern, Schulkindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen an. An mehreren psychoanalytischen Ausbildungsinstituten ist sie als Dozentin und Supervisorin tätig. Sie ist Mit-Herausgeberin und Redaktionsmitglied der Fachzeitschrift „Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie“.

at